Gespräch mit Prof. Mario Fischer über den Search-Nachwuchs

Von Jens von Rauchhaupt | 28.September 2009 | Kategorie: Personal | Schlagwörter: SEM, SEO, Search, Nachwuchs, Karriere

Es mangelt in Deutschland an Online-Marketing-Fachkräften. Das gilt auch für den Bereich Suchmarketing. Dennoch gibt es in Deutschland Ausbildungsstätten mit Leuchtturmcharakter. Eine davon ist sicherlich die Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Wir sprachen mit Prof. Dr. Mario Fischer, Direktor des tms Instituts und Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Würzburg, über das Thema Nachwuchs im Suchmarketing.

ADZINE: Es fehlt an 20.000 Fachkräften im Bereich Online-Marketing (Quelle: BVDW), wie schätzen Sie die Lage konkret für den Bereich Suchmaschinen-Marketing ein? Haben Sie bei tms auch Nachwuchssorgen?

Prof. Fischer: Nein, wir selbst haben keine Nachwuchssorgen, weil wir mit dem Schwerpunkt E-Commerce in der Fakultät Informatik und Wirtschaftsinformatik an der FH Würzburg eine in dieser Hinsicht geachtete Ausbildungsstätte in Deutschland aufbauen durften. Hier bieten wir den Studenten und Studentinnen einen akademisch fundierten, aber eben auch praxisbezogenen Bachelor- bzw. Masterstudiengang mit dem Schwerpunkt Electronic Commerce an. Über rege Nachfrage nach unseren Absolventen/innen können wir uns nicht beklagen, selbst Google ruft bei uns an und fragt nach den besten Absolventen. Bundesweit gesehen herrscht aber generell ein eklatanter Mangel an gut ausgebildeten Hochschulabgängern, die sich zielsicher im E-Commerce-Bereich bewegen können. Die wurde auch unlängst auf einem Panel der SMX (Search Marketing Expo) in München als zentrales Thema mit Unternehmern diskutiert. Es gibt sehr viele "ein"gelernte Kräfte, die oft aus dem BWL-Bereich kommen. Denen fehlt leider häufig die notwendige technische Umsetzungskompetenz. Wir brauchen mehr interdisziplinär ausgebildete Leute. Dafür eignen sich meiner Meinung nach Wirtschaftsinformatiker besonders gut. Diese besitzen den technischen Background und haben gleichzeitig eine vernünftige betriebswirtschaftliche Ausbildung genossen und können daher auch sensibel mit den Kennzahlen umgehen. Hier klafft auf dem Markt zurzeit eine riesige Lücke, die sich sicherlich auch noch weiter vergrößern wird!

ADZINE: Sie sprachen von einer praxisbezogenen Ausbildung, können Sie uns ein Beispiel geben?

Prof. Fischer: Unsere Studenten müssen sehr viel auch praktisch umsetzen. Wir nehmen z. B. auch an der Google Online Academic Challenge teil, bei der 20.000 Studenten aus der ganzen Welt mit einem 200,- US-Dollar-Budget für ein reales Unternehmen eine Search-Kampagne aufsetzen müssen. Dort haben wir letztes Jahr für den EMEA-Raum den zweiten Platz gemacht. Dieses Jahr waren unsere Teams gleich mehrfach auf den vordersten Plätzen und dürfen sich damit zu den Besten der Welt zählen. Am Standort Würzburg betreuen unsere Challenge-Teilnehmer bereits während des Studiums Unternehmen für ihre Adwords-Kampagnen. Wir gehen bei der Ausbildung an den wichtigen Stellen sehr tief zum Nutzen unserer Studierenden. Wenn man nämlich z. B. nicht weiß, wie Google die Preise und Positionen für Werbung berechnet, wie also das Adwords-Ranking dort zustande kommt, wie die Keywords wirken und wie Adwords-Kampagnen aufzusetzen sind, kann man als Unternehmen sehr viel Geld verlieren. Dieses Wissen fehlt oft leider sogar Agenturen.

ADZINE: Wie ist eigentlich das SEO/SEM-Niveau in Deutschland generell zu bewerten, verglichen mit anderen Europäern und den US-Amerikanern?

Prof. Fischer: Während wir im europäischen Vergleich sehr gut dastehen, ist in den USA ein deutlich höheres Niveau festzustellen. Die Anforderungen im SEM-Bereich sind dort definitiv höher, weil der Markt durch die englischen Keywords viel größer und umkämpfter ist. Sagen wir so: Deutschland hat durchaus Spitzenleute, doch in den USA gibt es einfach mehr davon.

ADZINE: Wie sehen Sie die Perspektiven und das Gehaltniveau eines SEO/SEM-Experten, beispielsweise im Vergleich zu einem Web-Designer?

Prof. Fischer: Das kommt natürlich darauf an, was man unter einen Experten versteht und was die Anforderungen sind. Wenn er aber einigermaßen gut ist, müsste er etwa das Drei- bis Vierfache als ein Web-Designer verdienen.

ADZINE: Wie bitte?

Prof. Fischer: Ja natürlich! Es kommt immer auf den Hebel an, an dem der Suchmaschinen-Fachmann sitzt. Wenn ein Formel-1-Team gewinnen will, holt es sich doch auch den möglichst besten Mechaniker, nichts anderes gilt doch hier. Die wirklich guten SEO-Experten, und davon gibt es in Deutschland nur etwa 30 bis 40, sind bis auf wenige Ausnahmen wie z. B. Jens Fauldrath (Telekom) sowieso alle selbstständig. Natürlich macht es nicht für jedes Unternehmen betriebswirtschaftlich Sinn, einen eigenen Experten haben zu müssen. Aber Kern-Know-how zur scharfen Beurteilung von Strategien und deren Kontrolle sollte schon aufgebaut werden. Ich halte das für die meisten Unternehmen für essenziell!

ADZINE: Sollte es nicht ein/e eigene/s staatliche/s Ausbildung/Studium zum SEO bzw. SEM Fachmann geben?

Prof. Fischer: Ein Studium rein für die Bereiche SEO und SEM ist aus meiner Sicht deutlich zu wenig. Aber ja, es müsste einen eigenen Studiengang E-Commerce/Online-Marketing geben, um echte Spezialisten ausbilden zu können. Dafür braucht man aber in erster Linie Professoren und Professorinnen, die sich selber in diesem Bereich genügend auskennen. Hier haben die Fachhochschulen durch die zur Berufung geforderte Praxiserfahrung gute Karten. Hochschulen können leider nicht in der hier geforderten Geschwindigkeit reagieren. Daher wird sich das "Ausbildungsloch" sicher noch vergrößern. Wir haben aber in Würzburg noch etwas in petto. Abwarten.

ADZINE: Was qualifiziert jemanden, damit er für Sie als Mitarbeiter beim tms Institut im Bereich Suchmaschinen-Marketing infrage kommt. Sind eigentlich auch Geisteswissenschaftler einsetzbar?

Prof. Fischer: SEO ist kein Hexenwerk. Das Wichtigste ist das technische Grundverständnis und die Umsetzungskompetenz. Man muss auch schnell mal etwas testen und ausprobieren können, ohne ein Pflichtenheft schreiben zu müssen. Geisteswissenschaftler haben wir auch im Institut. Manchmal ist das sogar gut, weil sie an die Themen ganz anders herangehen. Ein wichtiger Skill ist im Search-Marketing die Kommunikationsfähigkeit. Es gibt ja keine allgemeingültige Vorlage für eine gute SEM/SEO-Arbeit. Es ist ein bisschen wie bei Columbo, dem Ermittler: Man muss auch viel Zeit im Web investieren und dort nach neuen Informationen, Ideen und auch Kontakten suchen. Das ist ein Geben und Nehmen. Man muss ständig am Ball bleiben. Was hilft mir jemand, der den ganzen Tag einsam im Keller beim Programmieren sitzt? Gute Leute müssen sich vernetzen und mit dem Kunden und seiner Problemstellung umgehen und sie vor allem verstehen können. Zudem ist Search-Marketing auch immer ein wenig Vertrauenssache, da die Agentur dem Kunden ja nicht immer alles offenlegen kann, was einzelne Details angeht. Was den echten Erfolg bringt, ist sehr wertvolles Know-how, das man auch seinen Kunden nicht einfach 1:1 weitergeben kann. Nicht jeder kann dies dem Kunden richtig vermitteln.

Zur Person: Mario Fischer (Jg.1963) ist Direktor des tms Instituts und Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Würzburg mit Schwerpunkt E-Commerce, Strategieentwicklung für E-Business und E-Commerce, Erhöhung von Traffic und Umsatz im Web, Web-Usability und Suchmaschinen. Mit dem tms Institut betreut und berät Prof. Fischer namhafte Unternehmen aller Größen und quer durch alle Branchen.

Der Artikel erschien bereits am 20.08.2009 bei www.Adzine.de